Leserbrief 24. Mai 2012: Welches ist die bessere Schule?

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Mit grossem Interesse habe ich die Berichterstattung über die geplante Freie Stadtschule und die Interviews vom 21.Mai 2012 mit den Initiatoren Peter Fratton und Stefan Gander sowie das Interview vom 23. Mai mit der St.Galler Schuldirektorin Barbara Eberhard gelesen.
Ich finde es schon erstaunlich, dass Barbara Eberhard das Schulkonzept und die Hauptaktionärin Bettina Würth nicht kennt, obschon die Freie Stadtschule bereits diesen August ihren Betrieb aufnimmt. Auch scheinen die Aussagen von Bettina Würth, Peter Fratton und Stefan Gander auf der einen Seite und von Barbara Eberhard auf der anderen Seite mehr auf Angriff und Verteidigung ausgerichtet zu sein als auf den konstruktiven Dialog.
Die Diskussion darüber, welches Schulmodell den Lernenden die besseren Voraussetzungen bietet oder gegenseitige Vorwürfe zielen meiner Meinung nach am eigentlichen Thema vorbei. Denn ebenso wenig, wie sich Entwicklungen, kognitive Fähigkeiten und Sozialkompetenz von Kindern verallgemeinern lassen, gibt es auch kein Patentrezept für eine ideale Schule.

Vielleicht sollte die St.Galler Schuldirektorin Barbara Eberhard die Privatschulen weniger als Konkurrenz denn als Ergänzung zur Volksschule betrachten. Auch im Sinne des gegenseitigen Erfahrungsaustausches und der Offenheit gegenüber alternativen pädagogischen Konzepten. Unbestritten ist, dass der Lerneffekt und die -motivation ungleich grösser sind, wenn die natürliche Neugierde von Kindern unterstützt wird, sie sich eigenständig ein Thema erarbeiten dürfen und ihnen der Lerninhalt anhand konkreter Beispiele veranschaulicht und erlebbar gemacht wird. Auch ausserhalb des Schulzimmers.
Natürlich hat das Konzept der Volksschule in den vergangenen Jahrzehnten einen grossen Wandel durchlebt. Lernateliers, altersdurchmischtes Lernen, Projektwochen im Freien und individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler sind auch in der Volksschule angekommen. Wie effektiv diese eingesetzt werden, hängt letztlich aber von der Schulleitung, den Lehrpersonen, den Schulklassen und schliesslich auch von den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern ab.

Die Aussage von Barbara Eberhard, Privatschulen mit 16 Schülern, deren Eltern mit dem speziellen Konzept der Schule einverstanden sind und ein hohes Schulgeld bezahlen, würden Dinge ausprobieren können, die an einer öffentlichen Schule nicht möglich seinen, stimmt meines Erachtens aber nur teilweise. Und nur dann, wenn die Lehrpersonen und Schulen ihre pädagogischen Spielraum auch wirklich ausgeschöpft haben. Denn auch mit einem geringen Budget, einer grossen Schule und einem straffen Lehrplan sind vermehrte Expeditionen in die Natur, in die Stadt oder in öffentliche oder wirtschaftliche Einrichtungen machbar. Was es dazu benötigt, sind vor allem Flexibilität, Spontaneität und eben die Offenheit gegenüber alternativen Schulmodellen und deren Erfahrungswerten.

Stefan Grob, CVP St.Gallen